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Ergänzung zum Leitfaden

An dieser Stelle möchten wir als Fachschaftrat der Philosophischen Fakultät I gerne etwas zum „Leitfaden für eine bessere Lehre“ erläutern. Denn nach einem Prozess, der nach besten demokratischen Regeln (jede*r konnte auf einer öffentlichen Sitzung zum Beispiel daran mitwirken) ablief, und fast ein Jahr währte, kamen nach der Drucklegung des Werkes  einige Gerüchte auf, die wir gerne entkräften würden.

1.)    „Der Leitfaden ist verkürzt, unwissenschaftlich und ideologisch“

Natürlich ist ein Leitfaden kein Lexikon und Autor*innen solcher Schriftstücke müssen sich selbstverständlich die Frage stellen, warum sie das eine geschrieben und das andere weggelassen haben. Es ist unmöglich zu einem Thema „alles“ zu sagen und selbst im von uns scharf kritisierten Uni-Betrieb wird eingestanden, dass wissenschaftliches Arbeiten nicht „objektiv“ ist, sondern einen Ausschnitt darstellt, der selbstverständlich an eine Perspektive gebunden ist. Das gilt auch für Texte, die mit ihrer Wissenschaftlichkeit hausieren gehen und diesen Anspruch mit einem Wust an Fußnoten beweisen sollen. Diese „empirischen“ Belege sollen dann Nachvollziehbarkeit suggerieren. Der Leitfaden, der eher politisches Manifest, denn Hausarbeit ist, hat aus Gründen der Lesbarkeit und – ganz pragmatisch – der Druckkosten auf einen Anhang von hunderten Seiten verzichtet und wird dadurch doch nicht „verkürzt“. Gezeigt werden sollten nämlich keine Antworten auf die Frage „Was macht man so im Studium?“ oder „Was sind die genauen Inhalte der Lehrpläne von 1800 bis 2016?“, sondern die logische Ableitung zweifelsohne existierender Probleme aus der kapitalistischen Gesellschaft heraus. Es ist bezeichnend, dass bis jetzt weder diese Ableitung kritisiert wurde noch die Probleme, sondern die fehlende Ausformulierung des schwierigen Zustandes einiger Fächer. Aus dem Fakt, dass die Interessen von Staat und Markt die Universität bedingen, haben wir zum Beispiel im Teil über die Geschichtswissenschaft abgeleitet, dass sich Fächer um ihre gesellschaftliche Relevanz sorgen. Da die Geschichte im „modernen“ Verständnis aber keine Lehrmeisterin mehr sein darf, bleibt im Wesentlichen eine staatstragende Erziehungs- und Entertainment-Funktion für die Historiker*innen von heute. Ähnliches gilt für den Teil zur Politikwissenschaft: Erfolgreich und dominant sind die Bereiche, die sich positiv auf den deutschen Staat beziehen und Probleme erörtern, die sich (demokratischen) Staaten und ihren Regierungen (eben „Regierungslehre“) stellen, ohne die weltweite Existenz kapitalistischer Staaten zu hinterfragen. (Vom Lehrstuhl selbst: „Gegenstand der Politikwissenschaft ist die Auseinandersetzung mit Macht- und Herrschaftsbeziehungen und den sie regelnden Institutionen. Politikwissenschaft ist auch Demokratiewissenschaft und verbindet daher analytische und normative Perspektiven.“) Dass der IB-Lehrstuhl nur deutsche Interessen verteidigen möchte, kann jede*r auf der Facebook-Seite der Einrichtung nachvollziehen.So wird hauptsächlich darüber beraten, wie man genannte Interessen eben besser durchsetzen könne.

2.)    „Der Leitfaden bietet keinen Lösungsansatz“

Wer bei dieser Beschreibung bestehender Missstände grundsätzlich wird, egal ob es in der Hochschule, in einem Betrieb oder im sonstigen Alltag ist, muss sich oft anhören, er*sie mache keinen richtigen „Verbesserungsvorschlag“. Aus diesem Vorwurf spricht in erster Linie eigene Ratlosigkeit und ein schlichtes Unverständnis der Kritik gegenüber, die gerade darauf abzielt, dass zum Beispiel die Verwertungslogik oder das Patriarchat die gesamte Gesellschaft durchziehen und es eben nicht mit ein paar mehr oder weniger wohlmeinenden Reförmchen getan ist. Wir halten diese Oberflächlichkeit und die fehlende Geduld mit der Analyse bestehender Verhältnisse für tragisch und kritisieren das dahinter stehende Politikverständnis als nicht besonders vernünftig: Wer patriarchale Strukturen oder die Anwesenheitspflicht abschaffen, dafür aber eine barrierefreie Universität möchte, fordert natürlich das richtige, sollte aber nicht diejenigen kritisieren, die sich erst einmal über den Ausgangspunkt klar werden wollen und eben fragen, warum eine Universität denn nicht barrierefrei ist, obwohl die Mittel dafür vorhanden wären, warum Anwesenheitspflichten trotz ihrer eigentlichen Illegalität durchgesetzt werden oder was denn dieses Patriarchat überhaupt ist. Besonders absurd wird dieses Ressentiment bezogen auf den Leitfaden im übrigen, wenn man sich die Struktur des Textes selbst ansieht: So ergibt es durchaus Sinn, dass er in drei Teile geteilt sind, in dem A) die grundsätzliche Analyse, B) die weitreichenden politischen Forderungen und C) die praktischen und hier an der Universität umsetzbaren Maßnahmen verborgen sind.

3.)    „Der Leitfaden gefährdet die demokratische Ordnung“

Dass im Bestand der bestehenden Ordnung der Daseinszweck der Politikwissenschaften besteht, bezweifeln nur diejenigen, die aufgrund mangelnder Kreativität glauben, die Politikwissenschaft sei von selbst und objektiv auf die Idee gekommen, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Tatsächlich wurde die „Demokratiewissenschaft“ dafür erschaffen, was auch im historischen Kontext der Etablierung dieser Wissenschaft auch keineswegs negativ war. Nur ändert das nichts daran, dass das Ziel in dem Sinne Propaganda für die herrschende Ordnung ist. Wer diese Ordnung aus parlamentarischer Demokratie, Marktwirtschaft und Staatsgewalt dann als die „demokratische Ordnung“ schlechthin bezeichnen möchte, wir im Leitfaden demgegenüber ausreichend Skepsis finden. Wer daraus aber konstruiert, dass die „demokratische Ordnung“ vom Leitfaden verletzt würde und dies zum bestimmenden Problem der Zeit macht, der*die wirft dem Fachschaftsrat als Gremium vor anti-demokratisch zu sein und den bestehenden rechten und sogar faschistischen Tendenzen zuzuarbeiten. Wir können damit leben, dass Gruppen eine Kritik an der so eng gefassten „demokratischen Ordnung“ von links nicht abkönnen und sie den Fachschaftsrat deshalb in ihr von der Extremismus-Doktrin verengtes Schema pressen müssen, allerdings finden wir diese Absage an kritisches Denken mehr als schade.

4.)    „Der Leitfaden erschwert die Debatte, weil er nicht genug Respekt zollt"

Ein großer Aspekt dieser Absage an kritisches Denken stellt auch das Beharren auf ungenau definierten „Umgangsformen“ dar. So lässt sich eine Debatte bestens abbügeln, indem auf gewissen Formen und Stilmittel beharrt wird. Bezogen auf den Leitfaden heißt es dann, dass ja vieles richtig sei aber die „gewählte Form“ jede konstruktive Mitarbeit verunmögliche, denn Dozierende könnten sich von fundamentaler Kritik an der Universität ja auf den Schlips getreten fühlen. Dies ist zum einen gegenüber dem Leitfaden ungerecht, der mit keinem Wort Menschen diskriminiert oder beleidigt und zum anderen den Dozierenden selbst gegenüber. Denn die Vorstellung, eine Kritik am Fachbereich sei ein Angriff auf die Person, behauptet schon die Einheit von Person und Profession beziehungsweise Lohnarbeit. Es unterstellt, dass die Dozierenden unserer Fakultät und darüber hinaus überhaupt keine kritische Distanz zu dem, was sie an der Universität so machen, aufbauen können oder wollen. Damit erlischt die Individualität und übrig bleibt eine gekränkte Hülle. Diese tatsächlich erniedrigende Ansicht ist eine, die wir als Fachschaftsrat nur zurückweisen können und die dem Geist des Leitfadens fundamental widerspricht.

Letztendlich hoffen wir damit einige sehr unbegründete Punkte ausgeräumt zu haben, die im Kontext der öffentlichen Debatte aufgetaucht sind. Tatsächlich sind wir davon überzeugt, dass es viele sinnvolle und gut zu diskutierende Kritikpunkte an dem Leitfaden, seiner Form und seiner Veröffentlichung gibt, nur sind es die erwähnten eben nicht.

PS: Wer selber einmal nachlesen möchte, kann das mit der Online-Version des Leitfadens tun oder nach einer Print-Version fragen und wir bemühen uns das zu organisieren.


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